Kolleg Kurzinfo

Dynamiken von Raum und Geschlecht: endecken – erobern – erfinden – erzählen
Im Mittelpunkt des Graduiertenkollegs stand die interdisziplinäre Erforschung der wechselseitigen Prägung von Raum und Geschlecht. Damit griff das Kolleg zwei der wichtigsten Entwicklungen der letzten Jahrzehnte auf und stellte sie in einen Zusammenhang: Die Veränderung der Geschlechterordnung zum einen und die Veränderung der Raumordnung, die gerne unter dem Schlagwort Globalisierung betrachtet wird, zum anderen. Ausgangspunkt war der Befund, dass viele neuere Forschungen zum Raum die Kategorie Geschlecht desto weniger berücksichtigen, je globaler die Ebene der Betrachtung ist. Darum verfolgte das interdisziplinäre Graduiertenkolleg das Ziel, die wechselseitigen Bezüge von Raum- und Geschlechterkonstitutionen in aktuellen und historischen Gesellschaften inner- und außerhalb Europas aus soziologischer, ethnologischer, historischer und literaturwissenschaftlicher Perspektive zu untersuchen. Beteiligt waren die Fächer Anglistik/Kanadistik, Romanistik, Arabistik/Islamwissenschaft, Ethnologie, Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie, Ethik und Geschichte der Medizin, Geschichte, Germanistik, Soziologie und Theologie.

Wir gingen davon aus, dass eine solche Verschränkung neue Impulse für die sozial-, geistes- und kulturwissenschaftliche Forschung geben kann – und zwar für die Geschlechter- wie die Raumforschung gleichermaßen. So konnten die Debatten über „Intersektionalität“ innerhalb der „gender“-Forschung, welche seit geraumer Zeit nach den sich wechselseitig verstärkenden wie auch relativierenden Anteilen von „race, class and gender“ fragen, die Raumforschung nachhaltig befruchten, die oft nur eine allgemeine Relationalität konstatiert, ohne aber die einzelnen Dimensionen tatsächlich miteinander in ein Verhältnis zu setzen. Die Geschlechterforschung wiederum konnte von der Raumforschung insofern profitieren, als ein handlungstheoretisch fundierter Raumbegriff erlaubte, Mikroprozesse der sozialen Positionierung aus einer mehrdimensionalen und dynamischen Perspektive in den Blick zu nehmen.

In den meisten der im Graduiertenkolleg miteinander verbundenen Disziplinen hat sich die Forschungslandschaft in den letzten Jahrzehnten in ähnlicher Weise weiterentwickelt – aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive etwa von der Sozialgeschichte der 1970er und 1980er Jahre hin zu kulturwissenschaftlichen Forschungsansätzen seit den 1990er Jahren. Dies implizierte eine Abwendung von strukturgeschichtlichen und eine Hinwendung zu handlungstheoretisch begründeten Forschungsdesigns, welche eine oft minutiöse Analyse von Einzelsituationen sowie subjektiven Handlungsoptionen und Befindlichkeiten ermöglichte. So wichtig diese Differenzierung der Perspektivierung auch war, so ist dennoch seit einigen Jahren zu beobachten, dass man diese genuin kulturwissenschaftliche Zugangsweise wieder auch sozial- wie strukturgeschichtlich zu positionieren beginnt. Möglicherweise ist dies, neben der sich allem Anschein nach rasant globalisierenden Welt, ein wichtiger Grund für den so genannten „spatial turn“, erlaubt doch die Raumperspektive die Frage nach dem Verhältnis von „Struktur“ und „Handlung“ neu aufzurollen.

Grundlage dafür ist ein relationaler Raumbegriff, nach dem ein Raum über Handlungen entsteht, die er zugleich wieder prägt. Dieses Wechselverhältnis impliziert nichts anderes, als dass die strukturelle Rahmung von Handlungen durch Handlungen gebildet wird und dass man zugleich über den vielfältig und äußerst unterschiedlich dimensionierten Raumbegriff nicht im Vorfeld entscheiden muss, welche Strukturdimension letztlich die zentrale ist: die Frage nach der Standes- oder Schichtenzugehörigkeit etwa, Bildungsgefälle, Zentrum-Peripherie-Beziehungen oder eben die Bedeutung von Geschlecht.

Schließlich erhofften wir uns durch die transkulturelle Perspektive, die eine zentrale Fragestellung des Graduiertenkollegs darstellte und in allen am Graduiertenkolleg beteiligten Disziplinen von wachsender Bedeutung ist, neue Antworten auf aktuelle Fragen einer globalisierten Welt. Eine solche transkulturelle Schärfung des Blicks lebt von einem möglichst perspektivenreichen, interdisziplinären Austausch. Darum haben wir ein enges Netz von Kompetenzen geknüpft, das von einer Reihe international weit gestreuter Kooperationspartner und -partnerinnen ergänzt wurde, zu denen auch die Kooperation mit dem Göttinger Max Planck Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften gehörte. Insgesamt reichte die Expertise vom Mittelalter bis zur Moderne oder Post-Moderne sowie von der Erforschung deutscher und europäischer Verhältnisse, über die arabische Welt bis nach Indien und Südostasien oder Kanada und Lateinamerika.

Grafik “Dynamiken von Raum und Geschlecht”

Das Kolleg hat sich mit vier Forschungsfeldern beschäftigt: einem grundlegenden Theoriefeld und den Feldern, die wir als „Dimensionen der Verkörperung“, „Dimensionen der Verortung“ und „Dimensionen der Verflechtung“ bezeichnen. Aus dem Untertitel des Kollegs „entdecken, erobern, erfinden, erzählen“ lassen sich wiederum die Bezüge zwischen diesen Forschungsfeldern ableiten. So drückt sich das Imaginäre, das sowohl literarischen wie realen Raum- und Geschlechterordnungen anhaftet, vornehmlich in den Verben „erfinden“ und „erzählen“ aus. Letzteres wird damit zum verbindenden Scharnier für alle Begriffe, wird mit dem Wort „erzählen“ doch nicht nur auf den Konstruktionscharakter von Räumen und Geschlecht verwiesen, sondern auch auf deren Konstitution, welche ja ebenfalls nur über das Erzählen fassbar wird. Auf die Dimensionen von Macht und Herrschaft in diesen Konstruktions- wie Konstitutionsprozessen verweisen wiederum die Begriffe „entdecken“ und „erobern“. Denn Räume werden genauso entdeckt und erobert wie in einem metaphorischen Sinn Geschlecht und Geschlechter.

Durch eine Bezugnahme auf diese vier Verben sollte das interdisziplinäre Gespräch zwischen den unterschiedlichen Forschungsvorhaben angeregt werden. Darum lassen sich die Verben in unserem Schaubild keinen bestimmten Untersuchungsfeldern zuordnen. Die angedeutete Durchlässigkeit symbolisiert außerdem die wechselseitige Durchdringung der unterschiedlichen Räume selbst, ob sie nun klein sind wie ein menschlicher Körper, überschaubar wie ein Stadtteil oder sich über Kontinente erstrecken wie im Zusammenhang heutiger Migrationsbewegungen. Alle diese Räume beeinflussen sich gegenseitig; es bilden sich Hierarchien zwischen diesen Räumen aus, wenn auch keineswegs einfach in Relation zu ihrer Größe. Die angedeutete Durchlässigkeit der Forschungsfelder erlaubt es, sich auf eine aus der jeweiligen Disziplin erwachsene Perspektive zu konzentrieren ohne deshalb die übergreifenden Dimensionen aus dem Blick zu verlieren.

Dimensionen des Theoretischen
Eine theoretisch fundierte Beschäftigung mit den verschiedenen Raumkonzepten sollte in allen Promotionen von Bedeutung sein. Je nachdem, ob man von einem physikalisch-geographischen Raum oder einem rechtlich, religiös und/ oder historisch-kulturell geprägten Raum ausgeht, ob man virtuelle, imaginäre, allegorische und/ oder utopische Räume untersucht oder den Körper als eigenen Raum versteht, ändern sich auch die Raumkonzepte. Der Ausgangspunkt einer Beschäftigung mit den Raumkonzepten sollte zum einen das jeweilige Forschungsprojekt sein, für dessen Konturierung eine Klärung des Raumbegriffes nötig ist. Zum anderen wollten wir über das Studienprogramm (und die Diskussion mit Expertinnen und Experten verschiedener Forschungsrichtungen) sowie die Konzeption von Workshops und Tagungen auch zur derzeitigen Debatte über Raumkonzepte wie zu den Diskussionen in der Geschlechterforschung beitragen.

Dimensionen der Verkörperung
In dem Forschungsschwerpunkt Dimensionen der Verkörperung sollten die Studien zu Körper, wie sie in den letzten Jahrzehnten insbesondere aus dem Zusammenhang der Geschlechterforschung und Wissenschaftsgeschichte resultierten, verbunden werden mit Fragestellungen aus der Raumforschung. So konnte man unterschiedliche Körperbilder, Körpererfahrungen und Momente von Leiblichkeit in unterschiedlichen Epochen, Regionen und Kulturen unter einer Geschlechterperspektive untersuchen. Ausgehend von der Frage nach dem Wechselverhältnis von „europäischer Expansion“ und „Expansion der Wissenschaften“ ließen sich – um ein konkretes Beispiel zu nennen – auch Projekte vorstellen, die die Geschichte der Anatomie sowie die Geschichte der Naturkunde und der Naturwissenschaften im weiteren Sinne untersuchen. Auch waren Arbeiten denkbar, die aus sozial- und kulturwissenschaftlicher Perspektive die neuesten Entwicklungen in Pharmakologie, Humangenetik und Neurowissenschaften analysieren (Gendermapping) oder etwa im Anschluss an Arbeiten der Männlichkeitsforschung die Bedeutung des „ethnisierten“ („racialised“) Körpers für hegemoniale und untergeordnete Männlichkeiten diskutieren.

Dimensionen der Verortung
Ein relationaler Raumbegriff impliziert die Unterscheidung zwischen „Raum“ und „Ort“. Ein Ort bezeichnet einen konkret benennbaren Platz, ein Raum hingegen entsteht durch Handlungen. Weiterführend wird diese Unterscheidung in erster Linie dadurch, dass nun nach den Bedingungen und Auswirkungen der „Verortung“ unterschiedlicher Handlungsräume gefragt werden kann. Diese Unterscheidung ist umso wichtiger, je stärker man sich mit hybriden Räumen, mit Grenzräumen oder globalen Räumen beschäftigt. Mit diesen Prozessen der Verortung gehen immer auch Prozesse der Hierarchisierung oder Nivellierung, von Exklusion und Inklusion, und damit der Etablierung oder Relativierung von Macht- und Herrschaftsstrukturen einher. Promotionen konnten sich beispielsweise mit dem seit den 1970er Jahren immer wieder diskutierten Verhältnis von „privat“ und „öffentlich“ auch für ausgewählte, nicht-europäische Regionen beschäftigen. Ein weiteres Beispielthema war eine Untersuchung der bis dato immer noch häufig unterstellten Dichotomien gesellschaftlichen Lebens, wie etwa der Dichotomie von offenen oder geschlossenen, bekannten oder unbekannten Geschlechterräumen, von Räumen des Leidens oder aktiven Handelns und schließlich des in jüngster Zeit stark diskutierten Verhältnisses von heiligen oder profanen Räumen. Weitere Bespiele für mögliche Forschungsprojekte waren die Untersuchung von aktuellen und historischen Wissensräumen und damit der Formierung von Wissen unter der Fragestellung, wie in Prozessen der Wissensgenerierung Geschlecht immer wieder neu verhandelt wird, oder die Untersuchung der Bedeutung von Orten und Räumen in literarischen Texten unter der Perspektive einer Repräsentation von Herrschafts- und Geschlechterverhältnissen.

Dimensionen der Verflechtung
Das Verhältnis von Ort und Raum verweist grundsätzlich auf das Verhältnis von Lokalem und Globalem. Lokale und globale Dimensionen von Raum sind stets ineinander verflochten. Hier wollte das Graduiertenkolleg ansetzen und in aktueller wie historischer Perspektive die Formierung nationaler, transnationaler und globaler Geschlechterräume untersuchen. Denn es stellte sich die Frage nach den Auswirkungen, welche die sich qua Transfer und Verflechtung neu formierenden Räume auf die Geschlechterverhältnisse hatten und haben. Vormoderne oder moderne Reiseliteratur, Wissensrepräsentation über Kartenanalysen, literarische Verarbeitung von Migrationserfahrungen (enclave writing), Erfahrungsberichte über qualitative Interviews und vieles mehr konnten Ausgangspunkte für Forschungsprojekte über den Wandel von Identitäten oder nationalen Selbst- wie Fremdbildern, die Entstehung von hybriden Netzwerken oder transkontinentalen Familien wie auch über die wechselseitige Prägung von wirtschaftlicher und kultureller Verflechtung (Konsum/ Tourismus und vieles mehr) darstellen.

Grundsätzlich gilt: Es ließen sich viele andere Beispiele anführen – die hier genannten dienen allein der Illustration. Im Gegenteil, wir stellten fest, dass die Promotionsthemen der Kollegiaten und Kollegiatinnen auch für uns noch unbekanntes Neuland betraten, das neu entdeckt, erobert, erfunden und erzählt wurde.
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