Anne Mariss

Dr. Anne MarissAnne Mariss
Universität Regensburg
Lehrstuhl für Neuere Geschichte
Universitätsstr. 31
93053 Regensburg
+49 (0)941 943 3575
E-Mail: anne.mariss@geschichte.uni-regensburg.de

Dissertationsprojekt

Räume, Dinge und Praktiken des Wissens im 18. Jahrhundert. Die Erforschung der Natur bei Johann Reinhold Forster (1729-1798)
(Erstbetreuung: Prof. Dr. Renate Dürr)

Ausgehend von der Teilnahme Johann Reinhold Forsters an der zweiten Cook-Expedition (1772-75) als offizieller Naturkundler frage ich anhand von Bordtagebüchern und Reiseberichten in meinem Dissertationsprojekt nach der praktischen Seite von naturhistorischer Wissensproduktion auf Weltreisen gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Der Analyse lege ich breit angelegtes Verständnis von Wissenschaftsgeschichte zugrunde, das sowohl Praktiken der Wissensgenerierung und ihrer Objekte, als auch Aspekte der Vergeschlechtlichung von naturgeschichtlichem Wissen, seiner Prozessualität und Gemeinschaftlichkeit sowie seiner spezifischen Kommunikationsmechanismen miteinschließt. Der makrohistorischen Raumebene der Weltreise stelle ich die mikrohistorische Perspektive des Expeditionsschiffs Resolution als Ort einer gemeinschaftlichen Wissensgenerierung entgegen. Dabei begreife ich das Schiff als multifunktionalen Wissens- und Sozialraum und kulturelle Kontaktzone gleichermaßen. Durch die mikrohistorische Perspektive des Schiffes gelingt es, die Gesamtheit der Reisenden und lokalen Akteure in den Blick zu nehmen und den kollektiven Charakter naturhistorischer Wissensproduktion herauszustellen.
In einem zweiten Schritt konzentriere ich mich auf die Aufbereitung des gesammelten Wissens in Europa und untersuche anhand der umfangreichen Korrespondenz Johann R. Forsters, wie dieses Wissen Eingang in die res publica literaria fand. Insbesondere das Sammeln und Tauschen von Naturalien, Büchern und gelehrten Schriften sowie die gegenseitige Informationsweitergabe spielte eine wichtige Rolle innerhalb der Gelehrtengemeinschaft und entschied über Ansehen und sozialen Status des Naturforschers. Schließlich soll über die aufklärerische Praxis Naturgeschichte zu betreiben, sowohl auf Weltreisen als auch innerhalb einer Gelehrtengemeinschaft, der Frage nachgegangen werden, wie sich der Habitus des Naturforschers im 18. Jahrhundert gestaltete – insbesondere in Hinblick auf die Frage nach dem gendering von Wissen und dem gender des Naturforschers.

„…spurred by the love of knowledge“. European scholars and scientific practices during Cook’s second Voyage (1772-1775)

The starting point of my dissertation is the participation of Johann Reinhold Forster as the official natural historian onboard the Resolution during Cook’s second voyage around the world (1772-75). By means of journals and travelogues I examine the practical side of natural history knowledge production at the end of the 18th century. The basis of my study is formed by a broad approach of science history including aspects such as the practices of knowledge generation, its processuality and objects, the gendering of science, and the collective character of its making. Juxtaposing the macrohistorical level of the world tour with a microhistorical perspective, I analyze the ship as a multifunctional space of socialization and knowledge generation. Through the microhistorical perspective the whole ship’s crew is taken into consideration in its entirety in order to emphasize the collective character of natural history knowledge production: from the sailors, soldiers, craftsmen and officers to the civil scholars and artists aboard.
In a second step, I focus on the treatment of the knowledge gained on the voyage back in Europe. My purpose is to look at the mechanisms of how this knowledge found its entrance into the res publica literaria on the basis of Forster’s extensive correspondence scattered about Europe and other parts of the world. The collecting and exchanging of natural objects (curiosities) played a particularly important role within the enlightened community as well as the transmission of books, scholarly writings and information and influenced the social status and reputation of the natural historian. Finally, I want to pursue the question of how the habitus of the naturalist was formed both through the enlightened practice of ‘doing’ natural history on voyages and within an erudite community – especially with regard to the question of gender.

Kurzbiografie

seit 10/2016 Akademische Rätin am Lehrstuhl von Prof. Dr. Harriet Rudolph (Lehrstuhl für Neuere Geschichte) an der Universität Regensburg

07/2016 – 09/2016 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl von Prof. Dr. Renate Dürr (Seminar für Neuere Geschichte) an der Universität Tübingen

04/2014 – 06/2016 Post-doc im DFG-Graduiertenkolleg 1662 “Religiöses Wissen im vormodernen Europa (800-1800)” an der Universität Tübingen

10/2013 – 04/2014 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl von Prof. Dr. Renate Dürr (Seminar für Neuere Geschichte) an der Universität Tübingen

10/2010 – 09/2013 Doktorandin am DFG-Graduiertenkolleg 1599 „Dynamiken von Raum und Geschlecht: entdecken – erobern – erfinden – erzählen“

WS 2009/2010 Auslandssemester an der Université Paul Valéry III in Montpellier

10/2008 – 09/2010 geschichtswissenschaftlicher Masterstudiengang Westeuropa und das Interdisziplinäre Studienprogramm Frauen- und Geschlechterforschung, Universität Kassel

01/2008 – 01/2010 Beschäftigung als freiberufliche Mitarbeiterin an der Justus Möser Dokumentationsstelle des Erich Maria Remarque-Friedenszentrums in Osnabrück

08/2007 – 01/2008 Tätigkeit als studentische Hilfskraft am Lehrstuhl Frühe Neuzeit, Universität Osnabrück

10/2006 – 04/2007 Tätigkeit als studentische Hilfskraft beim Dekanat des Fachbereichs Sprach- und Literaturwissenschaft der Universität Osnabrück

10/2004 – 07/2008 Zwei-Fächer Bachelor in Romanistik und Geschichte an der Universität Osnabrück

Publikationen

„Die Globalisierung der Naturgeschichte im 18. Jahrhundert. Zwischen der Mobilität der Dinge und ihrem materiellen Eigensinn“, in: Debora Gerstenberger/Joël Glasman (Hg.): Techniken der Globalisierung. Globalgeschichte meets Akteur-Netzwerk-Theorie. Bielefeld 2016, S.67-94

Rezension zu: Schönhofer, Matthias, Letters from an American Botanist. The Correspondence of Gotthilf Heinrich Ernst Mühlenberg (1753-1815). (Beiträge zur Europäischen Überseegeschichte 101), Stuttgart 2014, in: Historische Zeitschrift 302/2. 2016, S. 519-520

„A world of new things”. Praktiken der Naturgeschichte bei Johann Reinhold Forster. Frankfurt am Main 2015 (Historische Studien Bd. 72) [zugl. Diss. Univ. Kassel]

„Fürs Kabinett. Mineraliensammeln als wissenschaftliche Praxis im 18. Jahrhundert“, in: Lucas Haasis/Constantin Rieske (Hg.): Historische Praxeologie. Dimensionen vergangenen Handelns. Paderborn 2015, S. 89-104

„Sprache und (Miss-)Verstehen. Formen kollektiver Wissensproduktion im Umfeld der zweiten Cook-Expedition (1772-75)“, in: Michael Ewert/Stefan Greif (Hg.): Georg Forster-Studien XVIII.: Georg Forster und die Berliner Aufklärung. Kassel 2014, S. 45-78

„‚a body of uncivilized menʼ: Zur Dynamik von Weltreisen und Männlichkeiten“, in: Silke Förschler/Rebekka Habermas/Nikola Roßbach (Hg.): Verorten – Verhandeln – Verkörpern. Interdisziplinäre Analysen zu Raum und Geschlecht. Bielefeld 2014 (Dynamiken von Raum und Geschlecht Bd. 1), S. 171-196

„very curious and romantick views“: Natur und Naturwahrnehmung in der Antarktik während der zweiten Cook-Expedition 1772-1775, in: Lenz-Jahrbuch, Bd. 19, (2012): Literatur – Kultur – Medien 1750-1800. Hg. von Nikola Roßbach, Ariane Martin, Georg-Michael Schulz, St. Ingbert, S. 113-140

Natur und Geschlecht in Text und Bild bei Georg Forster und William Hodges auf der zweiten Cook-Expedition 1772-1775, in: Themenportal Europäische Geschichte (2011)

Tagungsbericht Verflochtene Lebenswelten, 16. Fachtagung des Arbeitskreises Geschlechtergeschichte der Frühen Neuzeit. 04.11.2010-06.11.2010, Stuttgart-Hohenheim, in: H-Soz-u-Kult, 08.02.2011

Conference Report „Wahrnehmungsräume – Räume der Wahrnehmung um 1600 und 1900“, in: Journal of New Frontiers in Spatial Concepts, vol. 2 (2010), S. 69 – 72 (gemeinsam mit Joerg Hartmann und Juliane Pasedag)

Vorträge

06/2012 Sprache und Verständigung: Formen kollektiver Wissensproduktionen auf der zweiten Cook-Expedition. Vortrag gehalten auf dem Georg Forster-Kolloquium „Fremdheit und Interkulturalität. Georg Forster als interkultureller Autor“ vom 15.-16. Juni 2012 an der Universität Kassel.

04/2012 „…spurred by the love of knowledge”. Europäische Gelehrte und wissenschaftliche Praxis im Umfeld der zweiten Cook-Expedition 1772-1775. Vortrag gehalten auf dem DoktorandInnen-Kolloquium von Prof. Dr. Renate Dürr und Prof. Dr. Ewald Frie, Seminar für Neuere Geschichte, Universität Tübingen, 23. April 2012.

06/2011 Natur und Geschlecht in Text und Bild bei Georg Forster und William Hodges auf der zweiten Cook-Expedition 1772-1775. Vortrag gehalten auf der Konferenz „Postkoloniale Gesellschaftswissenschaften. Eine Zwischenbilanz“ vom 17-18. Juni 2011 an der HU Berlin

05/2011 „Wissenschaft und Reisen im 18. Jahrhundert im Kontext der ersten Cook-Expedition 1769-1771“ am 20. Mai 2011. Vortrag gehalten auf dem Workshop und Jahrestreffen des AKHFG Mitte, Neue Forschungen zur Frauen- und Geschlechtergeschichte in Hessen, Thüringen und Sachsen-Anhalt, an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, 20. Mai 2011.

Lehre

SS 2012: Seminar „Natur, Naturwahrheit und Geschlecht in Bildern der Frühen Neuzeit“ an der Kunsthochschule Kassel, Studiengang Kunstwissenschaft, in Kooperation mit Dr. Silke Förschler

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