Babette Reicherdt

Babette Reicherdt, M.A.Babette Reicherdt
E-Mail: babette_reicherdt@yahoo.de

Dissertationsprojekt

Begehren nach Gemeinschaft in Zeiten der Krise – Die Produktion von Körpern und Räumen in frühneuzeitlichen Nonnenkonventen
(Betreuung: Prof. Dr. Renate Dürr (Tübingen) und Prof. Dr. Claudia Ulbrich (Berlin))

Mein Dissertationsprojekt über Klarissenkonvente im frühen 16. Jahrhundert ist eine Untersuchung über Formen monastischer Gemeinschaft in Nonnenklöstern der franziskanischen Ordensfamilie. Vor dem Hintergrund der Reformation als historischem Moment, der in Bezug auf Lebensformen und gesellschaftliche Ordnung Umbrüche bedeutete, zugleich aber auch Kontinuitäten ermöglichte, frage ich danach, welche Möglichkeiten des Zusammenlebens zu diesem Zeitpunkt denkbar waren und wie sie ausgestaltet wurden. Zugleich werden Handlungsspielräume und Selbstverständnis von weiblichen Ordensangehörigen im 16. Jahrhundert vor dem Hintergrund historischer Zäsuren wie der Reformationsepoche in den Blick genommen.
Den Ausgang der Untersuchung bildete das Genfer Klarissenkloster Sainte-Claire. Die aus Genf überlieferte Klosterchronik, eine umfangreiche, von der Konventsschreiberin selbst verfasste Schrift, stellt die Erzählung der Konventsgeschichte in den 1530er Jahren dar. Aus diesem Text konnte ein spezifisches Modell monastischer Gemeinschaft identifiziert werden, das im Rahmen der Themenfelder Körper, Beziehungen und Emotionen konturiert wurde. In einem darauffolgenden Analyseschritt werden die Ergebnisse mit klösterlichem Schriftgut aus weiteren Konventen im Ordensumfeld sowie anderer Bettelorden wie der Dominikaner, konturiert werden. Der Fokus liegt dabei auf Quellen, die von Mitgliedern der jeweiligen Konventsgemeinschaft verfasst wurden.
Die Begriffe Raum und Geschlecht bilden den übergeordneten Analyserahmen der Arbeit. So ermöglicht es die Kategorie Raum aufgrund ihrer Vielschichtigkeit, das Phänomen Klausur als System sich überlagernder räumlicher Dimensionen zu beschreiben, das den Handlungsort für monastische Gemeinschaften abbildet. Die Kategorie Geschlecht ist für das Verständnis sozialer Ordnungen, von Machtbeziehungen und Wissenssystemen unabdingbar. Für den hier betrachteten Kontext monastischer Lebensformen erweist sie sich als besonders produktiv, da hier erstens der Zugang zu einem als homosozial verstandenen Verband durch geschlechtliche Markierung als „Mann“ oder „Frau“ reguliert wurde und zweitens innerhalb der Gemeinschaftsbezüge vergeschlechtlichte Personkonzepte hervorgebracht wurden. Die Funktionsweisen dieser Markierungen und das Zusammenwirken mit anderen Kategorien wie etwa ordo zu beschreiben ist Teil des Projektes. Die relationale und performative Verfasstheit der Analysekategorien Raum und Geschlecht ermöglichen es, den Fokus auf die Praktiken zu richten, die zur Konstituierung von monastischer Gemeinschaft gehörten, um dadurch ein räumliches Verständnis monastischer Lebensformen zu entwickeln.

Kurzbiografie

10/2010 – 09/2013 Doktorandin am DFG-Graduiertenkolleg 1599 „Dynamiken von Raum und Geschlecht: entdecken – erobern – erfinden – erzählen“

2010 Magisterarbeit über die „Petite Chronique“ der Jeanne de Jussie (1503-1561), Äbtissin des Genfer Klarissenkonvents Sainte-Claire; (Betreuerin: Prof. Dr. Claudia Ulbrich)
ausgezeichnet mit dem Hedwig-Hintze-Frauenförderpreis des Fachbereichs Geschichts- und Kulturwissenschaften der Freien Universität Berlin

2005 – 2009 Studentische Beschäftigte im DFG-Projekt „Wissenschaftliche Erschließung des Aktenbestandes R 179 der NS-‚Euthanasie’“, Universität Heidelberg

10/2001 – 03/2010 Studium der Geschichte, Schwerpunkt Frühe Neuzeit, an der Freien Universität Berlin und der Neueren deutschen Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin

Publikationen

Ausstellungsrezension zu: Homosexualität_en. Schwules Museum* und Deutsches Historisches Museum, Berlin, 26.6.-1.12.2015, in: feministische studien (Blog). 27.8.2015

Rezension zu: Ulrich L. Lehner: ‟Monastic Prisons and Torture Chambers: Crime and Punishment in Central European Monasteries, 1600-1800.” Eugene, OR 2013, in: German History (2015). 9.6.2015

Tagungsbericht zu: „Zeit-Geschichte(n)“. Zeitwahrnehmungen und -praktiken (ca. 1400-1700). 21.6.2013, FU Berlin, Friedrich-Meinecke-Institut, in: H-Soz-u-Kult, 14.1.2014

“[...] als ob ihre Rede aus einem Herzen käme und mit einer Stimme geäußert würde”: Personkonzepte in der Chronik der Genfer Äbtissin Jeanne de Jussie (1532-46), in: Dagmar Freist (Hg.): Ein Bild von mir. Praktiken der SelbstBildung in der Frühen Neuzeit, Bielefeld 2014 (Reihe Praktiken der Subjektivierung)

Zwischen Sprechgitter und Pforte: Räumliche Zuordnungen und die Produktion von Gemeinschaft in den Klausurbeschreibungen der Genfer Klarissenchronik (1534-46), in: Silke Förschler, Rebekka Habermas und Nikola Roßbach (Hg.): Verorten – Verhandeln – Verkoerpern. Interdisziplinaere Analysen zu Raum und Geschlecht. Bielefeld 2014

Tagungsbericht Die Ökonomie sozialer Beziehungen – Ressourcenbewirtschaftung als Geben, Nehmen, Investieren, Verschwenden, Haushalten, Horten, Vererben, Schulden. 09.09.2010-10.09.2010, Berlin, in: H-Soz-u-Kult, 21.04.2011

„Gördener Forschungskinder“. NS-„Euthanasie“ und Hirnforschung“, in: Maike Rotzoll, Gerrit Hohendorf und Petra Fuchs et. al. (Hg.): Die nationalsozialistische “Euthanasie“-Aktion „T4″ und ihre Opfer. Geschichte und ethische Konsequenzen für die Gegenwart. Paderborn 2010, S. 147-151

Vorträge

09/2013 “Die Gemeinschaft im Schmerz. Krisenerzählung und –bewältigung in der Chronik der Genfer Klarissen (1532-1548)”. Workshop: Orden in der Krise. Möglichkeiten und Grenzen religiöser Lebenswelten in der Vormoderne, Eberhard Karls Universität Tübingen, 6.-7. September 2013

04/2013 “Practices of Enclosure in the Poor Clare’s Convent Sainte-Claire in 16th Century Geneva”. AGFEM Workshop New Perspectives: Religious Women in the European Middle Ages, Ohio State University, Columbus, Ohio

12/2012 “[...] als ob ihre Rede aus einem Herzen käme und mit einer Stimme geäußert würde”: Personkonzepte in der Chronik der Genfer Äbtissin Jeanne de Jussie (1532-46), Doings-Sayings-Writings, 1. Historiker-Workshop des DFG-Graduiertenkollegs “Selbst-Bildungen. Praktiken der Subjektivierung”, Universität Oldenburg

06/2012 Kollektivität und Nonne-Sein. Das Kloster als Gemeinschaftsmodell am Beispiel der Genfer Klarissen im 16. Jahrhundert. Vortrag auf der Konferenz “Kollektivität nach der Subjektkritik – Collectivity Beyond Identity”, Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien, HU Berlin, 28.-30. Juni 2012

05/2012 Klosteraustritt als Gemeinschaftserzählung: Beziehungskonzepte in der Petite Chronique der Jeanne de Jussie (1503-1561). Vortrag auf dem Doktorand_innen-Kolloquium Profs. Drs. Renate Dürr und Ewald Frie, Seminar für Neuere Geschichte, Universität Tübingen, 7. Mai 2012

05/2011 Emotion, Gender und Gemeinschaft: Die Petite Chronique der Genfer Äbtissin Jeanne de Jussie (1503-1561). Neue Forschungen zur Frauen- und Geschlechtergeschichte in Hessen, Thüringen und Sachsen-Anhalt, Workshop und Jahrestreffen des AKHFG Mitte, Friedrich-Schiller-Universität Jena, 20. Mai 2011

03/2011 Klausur in Klarissenkonventen im 16. Jahrhundert: Das Beispiel des Genfer Kloster Sainte-Claire (1473-1535). Die monastische Klausur, Europainstitut für cisterciensische Geschichte, Spiritualität, Kunst und Liturgie (EUCist), Kloster Bronnbach, Bronnbach im Taubertal, 04.-05. September 2011

09/2006 NS-„Euthanasie“ und Forschung: Das Beispiel der „Gördener Forschungskinder“. Internationales Kolloquium „Die nationalsozialistische „Euthanasie“-Aktion „T4“ und ihre Opfer“, Internationales Wissenschaftsforum Heidelberg, 20.–22. September 2006

Lehre

SS 2012 Lehrauftrag am Institut für Geschichte der Universität Kassel: “Selbstzeugnisse um 1500: Familie, Freundschaft, Gemeinschaft”
(gemeinsam mit Sabrina Funkner, M.A.)

Veranstaltungsorganisation

Workshop “Why Emotions Matter: Interdisciplinary Reflections from History and the Social Sciences”, Universität Kassel, 23.10.2012 (zusammen mit Sabrina Funkner und Johanna Neuhauser)

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